Einsamkeit
Einsamkeit
Ich war den Großteil meines Lebens alleine unterwegs. Zwar nicht alles habe ich ganz alleine, aber ich bin allein gereist, allein ins Restaurant gegangen, habe meine erweiterte Familie als Einzelperson besucht, bin allein zu Konzerten gegangen, lebe in meine eigenen 4 Wänden, habe meinen eigenen Routinen und verfolge meine eigenen Ziele.
Die Dinge, die wir gemeinsam erleben, große oder kleine, gut oder schlecht, gewinnen durch ihre geteilte Art an Wert.
Aber was ist mit den Momenten, die wir nicht teilen?
Sind das weniger wertvolle Teile unseres Lebens?
Gibt es verschiedene Arten der Einsamkeit, die wir erleben können?
Es gibt tatsächlich unterschiedliche Formen, und jede von ihnen hat ihre eigene Bedeutung.
Da ist zunächst die körperliche Einsamkeit, die uns wohl zuerst in den Sinn kommt. Weit entfernt von anderen Menschen zu sein, begrenzt unsere Verantwortlichkeiten und entlastet uns gleichermaßen, aber schmälert auch unsere Interaktion mit sozialen Kreisen. Es ist ein sicherer Weg, sensorischen Reizen und menscheneigener Spontanität zu entkommen. Hier laden wir meist unsere Energie wieder auf und finden zu uns selbst zurück. Diese Art der Einsamkeit kennt fast jeder und kann sich damit identifizieren. Und vor allem: Viele können diese Form der Einsamkeit bewusst wählen.
Weniger wählbar sind Umstände, die uns einzigartig machen. Sei es etwas, womit wir geboren wurden, etwas, das im Laufe unseres Lebens gekommen oder gegangen ist, oder einfach etwas, das wir anders erleben; wenn wir (sichtbar oder unsichtbar) in einer gesellschaftlichen Struktur hervorstechen, sind unsere Verbindungen zu dem, was andere tun oder worüber sie sprechen, bedingt. Die vielen Bemühungen um Barrierefreiheit und Inklusion streben danach, dieser Art von Einsamkeit mit unterschiedlichsten Mitteln entgegenzuwirken. Als Mensch mit Autismus habe ich das mein ganzes Leben spüren können, doch seit der Diagnose erkenne ich es auch klarer und bin dankbar für die vielen bereichernden Umgebungen, in denen ich Verbindung und Verständnis erleben darf.
Es gibt auch eine Form der Einsamkeit, die gänzlich unabhängig von menschlicher Nähe ist. Selbst wenn man inmitten von Menschen ist, mit ihnen interagiert und sogar Teil ihrer Gesellschaft ist, kann man sich innerlich vollkommen allein fühlen.
Wenn all das Genannte kein Gefühl der Zugehörigkeit erzeugt und die eigenen Herausforderungen, Gedanken und Sinneseindrücke sich so stark von den scheinbar geteilten Wahrnehmungen unterscheiden, kann man sich einsamer fühlen als je zuvor.
Diese Momente sind dunkel, können aber einen Wendepunkt darstellen, an dem wir beginnen, echte Verbindungen zu Orten, Menschen und Kreisen zu suchen.
In solchen Momenten können wir uns leicht selbst verlieren, wenn wir weder mit unserem Inneren verbunden sind noch jemand unsere Kämpfe versteht. Deshalb ist es so grundlegend, unsere individuellen Erfahrungen zu teilen und darüber aufzuklären; als Ausgangspunkt für viele Erleichterungen.
Aber das, womit wir innerlich verbunden sind, unabhängig von den sich ständig verändernden äußeren Umständen, ist letztlich das Wichtigste und der verlässliche Rückhalt. Identität, Selbstwertgefühl oder selbst eine noch so kleine gute Erinnerung können dabei helfen.
Und das Beste auf einsamen Pfaden: Es ist in Ordnung, einsam zu sein.
Sobald wir verstehen, warum wir uns manchmal einsam fühlen und was das für uns persönlich bedeutet (dass es nicht zwangsläufig ein verheerender Zustand ist, den es zu vermeiden gilt) kann aus Einsamkeit Alleinsein werden und aus Grauen innerer Frieden.

