Das Bizarre

Das Bizarre

Ohne einen Abgleich mit der Gesellschaft hätte ich wohl selten ein Gefühl dafür, ob meine eigenen Interessen normal oder speziell sind.

Und wenn das Gehirn von Beginn an im bewussten Lernmodus ist, wird es ja wohl kaum lohnenswert sein, sich auf das Normale zu konzentrieren. Denn das ist der Durchschnitt und es hat doch kaum ein Mensch sein Potenzial wirklich ausgenutzt, indem er so normal, mittelmäßig und durchschnittlich wie möglich gewesen ist.
„Das kann ja nicht das Ziel sein“, hat sich also in meinem Unterbewusstsein verankert und mein Gehirn hat den Rest getan.

Seit jeher fühle ich mich, was für mich selbst normal ist (aber im Abgleich dann…weniger), eher zu Extremen und zu Randphänomenen hingezogen.
Sei es Musik aus Nischenrichtungen, meine Wohnungseinrichtung, die Eigenheiten diverser lieber Freunde, Filmgeschmack, Freizeitbeschäftigungen, Denkmuster, Lebensentscheidungen, Auswahl von Speisen im Restaurant oder die Wortwahl in besonderen Momenten.
Wie viel besser kann man eine Sache verstehen, wenn man nicht nur ihre allgemeine Mitte kennt, sondern auch alle bizarren Auswüchse am Rande derselben?

Sollte ich mich einzig auf diese Mitte konzentrieren, entgeht mir die besondere Art von Einigkeit, die entsteht, wenn man sich in so einer Nische mit Gleichgesinnten trifft. Sowas tröstet sehr effektiv über die Einsamkeit hinweg, die sich als ein Lebensgefühl manifestiert, und das ist noch nicht mal wertend gemeint!

Ein Blick aus meinen Augen: Die Strecke zwischen dem gesellschaftlichen Normal und meinem Vorliebenmedian ist länger als die von einer Absonderlichkeit zur nächsten.
Das heißt, dass neurodivergente Menschen offener gegenüber Abweichungen von der Norm sind als die breite Masse, denn für sie sind dieselben oft sogar weniger verquer als die gesellschaftliche Normkultur an sich.

Und bei so viel Vertrautheit mit wunderlichen und verwunderlichen Dingen fällt es mir leicht, durch augenscheinlich außergewöhnliche Umstände hindurchzuschauen und deren Kern auf geradem Wege zu erreichen.

So sehr ich als Autist auch Rahmen und Normen schätze, sind sie doch nur die Begrenzung für frei wählbare Inhalte. Und die sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich geformt und unterschiedlich befüllt mit verschiedensten Formen und Farben.

Und wo passe ich da rein?
Ich möchte lieber ein Grund sein, dass jemand mit etwas Außergewöhnlichem in Kontakt kommt, als mit etwas, das es überall gibt.

Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich fühlen

Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich fühlen

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Aber halt das Gegenteil dann umso mehr. Und, für eine Prise Widersinnigkeit: Wenn ich weiß, dass ich etwas nicht weiß, macht mich das noch viel mehr heiß. Daher war das Thema Neugier auch oft in meinem Leben auffällig und wenn jemand sagt „Lass nachher mal quatschen“ ist es mit Ruhe und Routine vorbei.

Aber darum soll es nicht gehen, sondern um das besondere Verhältnis von meinem Fühlen und meinem Wissen.

Das Wort „Autist“ übersetze ich gerne mit „Hyperfühler“. So viel zu fühlen, dass es schmerzt, zieht erst die ganzen landläufig als „autistisch“ bezeichneten Verhaltensweisen nach sich. Also das systematische Abgrenzen von Sinnes- und Fühlimpulsen, soziale Abweichungen und Unangepasstheit und die Anfälligkeit für psychische Begleiterscheinungen. Das sind alles technische Maßnahmen und Lösungen gegen die Übermacht der Gefühle. Ich bin sehr dankbar, im Leben bisher mehr sozial kompatible, als ungehobelte Lösungen gefunden zu haben.

Ich kann ein Gefühl nur dann ohne Schrecken erleben, wenn ich es einordnen und benennen kann. Irgendwann hat man im Leben einen Punkt erreicht, wo es für die meisten Alltagssituationen genug Wissen gibt, um die entstehenden Gefühle zu deuten. Das war mir immer ein großer Halt im Leben: sagen zu können, warum ich was tue und, als Grundlage dafür, was ich fühle.

Und diese Grundlage wird von Wissen gefüttert. Wenn ich anhand der Faktenlage nicht weiß, dass ich Angst habe oder haben sollte, habe ich auch keine Angst. Wenn ich nicht weiß wie ich aus meinem Gefühlsgemisch herauslese, dass gerade Hunger herrscht, komme ich auch nicht so schnell darauf. Die rohe Emotion und der rohe Sinnesreiz brauchen also stets eine kognitive Übersetzung. Aber auch ab von den Grundlagen des menschlichen Lebens gibt es viele Bereiche, wo mehr Wissen den Zugang zu speziellen Gefühlen möglich macht:

Ich lerne, wie ein Auto funktioniert und fühle dann genau, was ich mit dem Kupplungspedal machen muss. Ich lerne, wie das Internet funktioniert und fühle dann bei jedem Webseitenaufruf, was im Hintergrund passiert. Ich lerne, was für eine Sinneswelt in Pferden steckt und fühle dann beim Anblick von jeglichen Rossen ganz andere Dinge als je zuvor. Ich lerne was über meine Organe und fühle dann ganz klar, wie die Kreisläufe gerade funktionieren. Ich lerne eine neue Regel der Sprache und kann dann nicht ohne Schmerz dagegen handeln. Ich lerne was über Werte auf der Arbeit und fühle diese dann, als wären sie meine eigenen.

Besonders wild wird es, wenn das Wissen sich auf weniger eindeutige „Sach“verhalte bezieht, nämlich auf andere Menschen.
Da kommen genau so viele komplexe Vorgänge zusammen wie es sie in mir selbst gibt und die obendrein kaum greifbar oder vorhersehbar sind. Wenn ich dann ein Stück Wissen über Menschen erlange, kann ich besser fühlen, wie andere Personen sich fühlen und mich entsprechend verhalten. Dumm nur, wenn ein Happen Wissen von einer dritten Person kommt, oder gar inhaltlich negativ ist, und ich dann aus all diesen neuen Puzzlestücken meine Gefühle finden muss.

Ich möchte nicht vorsichtig sein und aus Furcht davor, zu viel zu fühlen, weniger lernen.
Ich möchte so viel von nützlichem Wissen haben, dass ich immer mehr Gefühle kennenlerne, sie regulieren kann und glücklich bin, damit ich auch andere glücklich machen kann!

Wenn dies ein Mensch liest: Mach es mir gerne einfach und erzähle mir positive Sachen über andere Personen oder gib mir Anhaltspunkte, auch negative Informationen richtig einzuordnen. Das macht das nächste Aufeinandertreffen mit dieser Person dann angenehmer.

Weiterentwicklung

Weiterentwicklung

Als ich diesen Artikel schrieb, wusste ich nicht, in welche Richtungen mein Leben in 2025 gehen würde.

Das neue Jahr würde lange nicht so vorhersehbar sein, wie die Jahre zuvor zu Beginn aussahen, so viel war klar nach meinem 2024. Denn in dem Jahr hatte ich gelernt, mich mehr ernst zu nehmen und es hat mich weit gebracht. Weit weg von dem, was ich bisher kannte. Aber näher zu dem, was mir gut tut.

Und dieses neue Jahr möchte ich diese guten Dinge fortführen. Und zwar dadurch, dass ich mehr davon mache.

Nebst der Zeit, die ich mit Freunden und Familie verbringe, bin ich aktiv in Selbsthilfekreisen für Autismus und kann all die Dinge teilen, die ich in meinem Leben bisher nur für mich behalten habe. Auch in den Therapien, die ich wahrnehmen darf, kann ich so viel für mich selbst mitnehmen, wie ich auch Bleibendes beitragen kann.

Meine Zeit fließt in kreative Projekte, von denen eines sich besonders um die Themen dreht, die immerzu innerhalb von Therapie und Selbsthilfe aufkommen. Ich trenne mich von Elementen, die meine bisherige Identität bestimmten und investiere in meine neue Zukunft mit schönen Dingen.

Und so wie die Entwicklung sich anfühlt, kann ich in Zukunft meine Stärken in Werke stecken, die mehr mit meinen Zielen und Dingen und Menschen die mich bewegen zu tun haben, als je zuvor.

Die Heilung für Autismus ist die Umgebung. Und ich darf von Glück sagen, dass sich meine Umgebung (Menschen, Orte, Möglichkeiten) zum Guten wendet und diese gewonnenen Energien möchte ich gerne in die Welt tragen, in 2026 und darüber hinaus!

Was ist verkehrt?

Was ist verkehrt?

Eine Frage, die ein Fehlverhalten schnell aufklären soll.
Jedoch beinhaltet die Antwort darauf bei mir als Autist mehr Zusammenhänge als beim Stellen dieser simplen Frage meist erwartet wird.
Wenn eine vollständige Antwort überhaupt möglich ist.

Denn beides, Richtig und Falsch, wiegen in meinem Leben extrem schwer. Deswegen strebe ich auch so nach Regeln und nach klaren Vorgaben und nach der Gewissheit, etwas richtig zu tun. Das ist im digitalen Bereich, der letztlich auf 0 und 1 zurückfällt, weitaus einfacher als im menschlich-sozial-persönlichen Metier, wo Gefühle und Individualität vorherrschend sind.

Über den Lauf meines Lebens habe ich mir “meine richtige Welt” immer weiter aus- und aufgebaut und die Grenzen nach bestem Wissen und Gewissen gezogen. Ob im sprachlichen Bereich, wo mir im Wissen um die richtige Aussprache eine falsche Aussprache körperliche Schmerzen bereitet, oder im moralischen Bereich, wo eine beobachtete Abweichung von erlernter guter Sitte mich vor monströse innere Probleme stellt.

Das gruselige dabei ist nämlich, dass der Sensor für Richtig und Falsch mit meiner Gefühlswelt verbunden ist und konstant ein gellendes Signal sendet. Aber eine zentrale autistische Eigenschaft ist es, diesen unbändigen Gefühlen Mauern und Schranken aus Logik und innerer Überzeugung entgegenzusetzen. So kann ich aus einem überwältigenden Falsch-Signal durch gewisse Verarbeitungsschritte ein abgeschwächtes Falsch- oder gar ein energiesparendes Richtig-Signal machen.

Gerade dieses krasse Fühlen macht den Kontrast von Richtig und Falsch so spannend (und nicht immer im positiven Sinne).

Denn wenn etwas falsch ist, ist es eben nicht einfach nur falsch, sondern obendrauf auch nicht richtig, was es noch falscher macht und noch weiter von der richtigen Seite entfernt und somit falscher und falscher wird, dass es kaum noch zu ertragen ist.
Das erklärt auch meine glücklicherweise wenig zahlreichen, aber dafür deutlichen Gefühlsausbrüche, in denen meine inneren Verarbeitungsschritte nicht mehr funktionierten. Und alle erlernten Fähigkeiten, die beim Einordnen und Abschwächen von Falsch-Signalen helfen könnten, sind dann in weiter Ferne.

In so einem Moment der Not ist es dann notwendig, die eigene Überzeugung von dem was richtig ist darzulegen und die aktuellen Abweichungen davon in ihrer jeweiligen Schwere zu erklären. Das wiederum setzt voraus, dass die gerade relevanten Elemente des Richtigen annähernd zielgruppengerecht verbalisiert werden können und beleuchtet peinlich genau die eigene Verantwortung, etwas als Falsches zu bewerten.
Und weil das eine großangelegte und an sich schon nervenaufreibende Aktion ist, passe ich meinen sozialen Algorithmus dann tendenziell lieber dahingehend an, meine Gefühle erst gar nicht hochkommen zu lassen und mich von Situationen fernzuhalten, wo dies geschehen könnte.

Ob das mich mehr von der äußeren Welt trennt oder mich als Teil in ihr leben lässt, steht auf einem wahrscheinlich benachbarten Blatt…

Spezialdesinteresse

Spezialdesinteresse

Dass Spezialinteressen Teil des autistischen Phänomens sind, ist gemeinhin bekannt, wobei ich mir dank meines freundlichen Umfeldes nie komisch vorkam, wo ich als Kind emsig die Dateien von Computerspielen nach interessanten Fragmenten durchsuchte, die aktuellen Automodelle und Handys in- und auswendig kannte, der wohl einzige junge Mensch mit aktivem Interesse an klassischer Musik war oder auch heute noch jegliche nackte Haut in Wissenswälzern mit verblüffender Präzision ausfindig machen könnte.
Spezialinteressen, also im höchsten Maße vereinnahmende und exzessiv verfolgte Aktivitäten können sich mit der Zeit auch wandeln, wiederkehren oder gar verschwinden.

Aber darum soll es nicht gehen, sondern um die Kehrseite.
Denn so sehr wir auch bemüht sind, Autismus mit den positivst gestimmten Augen zu sehen und Spezialinteressen meist wohlwollend betrachtet werden (und das ist auch gut so, weil dieser Hyperfokus essenziell für ein neurodivergentes Gehirn ist), gibt es da auch die rein restriktiven Verhaltensweisen.
Und da geht es weniger um die Ablehnung feindlicher Sinneseindrücke, wie den Restaromen von Minzöl (hurghs) oder der widersinnigen Mischung von Milch und Nudeln (schluchz) oder der Meidung von aufgepeitschten Menschenmassen (Demonstrationen ganz schlimm).
Es geht um die Dinge, denen gegenüber ähnliche Energien aufgebracht werden wie für die eigenen Interessensfelder, nur mit dem grundlegenden Unterschied, dass diese Dinge mit einer unumstößlichen und Nachteile in Kauf nehmenden Macht abgelehnt werden.

Bei mir schließt das ein (aber beschränkt sich nicht auf): Lokalradio, Fußball, die Synchronisierung von Filmen in eine andere Sprache.
Wäre ich nicht der Selbstreflexion mächtig, würde das nach unnötigem Hass klingen; und ich habe lange Zeit auch nicht verstanden, woher diese tiefe Abneigung kommt. Fußball mochte ich als Kind sogar, zumindest das Stickerheft der WM 2002 mit den vielen Daten und Fakten und Sammelanreiz. Aber irgendwas an dem Ausmaß der Emotionen und eigenen Beobachtungen, wie sich die Natur eines Menschen im Spielen wandeln kann, passte nicht mit dem Spiel an sich zusammen. Und das alles dann auf die große Industrie des Fußballs heute projiziert, habe ich nur Unverständnis und eine große Blockade zu Fußballfankulturkreisen. Die gute Nachricht: Mir geht es gut damit und den anderen auch.
Und den Reiz, etwas Unbeeinflussbarem zuzufiebern, kann man sich auch anders besorgen.

Musik ist ein anderes Spezialthema, was mit bewusster Einnahme musikalischer Werke zu tun hat und mit dem Würdigen einer sehr individuellen und mitunter extrem emotionalen Kunstform. Aufgrund der über die Jahre zweifelhaften Auswahl der Lokalradiosender und dem Fokus auf „leicht anhörbar und unaufregend“ und dem Fakt, dass es weithin aufgrund des „Radios“ und nicht aufgrund des verbreiteten Inhaltes eingeschaltet wird, passt Lokalradio so wenig in mein Weltbild und in meine Sinnesschleusen, dass ich es nur kategorisch und mit einer tiefen Überzeugung ablehne.
Und „einfach weghören“ ist leider unmöglich, da nebst meinen Ohren auch mein Gehirn Geräusche quasi unfilterbar wahrnimmt.

In der Sache mit den Filmen bin ich mit anderen Deutschen schon auf Entrüstung und Unverständnis gestoßen, da es diesem Volke wohl mehr am Herzen liegt, alle übersetzten Wörter zu verstehen (mittels der Synchronsprechweise auch akustisch unfehlbar), als die schauspielerische Leistung zu würdigen. Denn Stummfilm ist schon lange out und heutzutage transportiert ein Schauspieler seine Rolle maßgebend über seine Stimme.
Zudem ist es eine Frage des Gesamtwerkes: Welche Sprache werden die Mitarbeitenden wohl gesprochen haben und welchem Sprachraum werden die Gedanken am Set oder im Studio wohl zuzuordnen gewesen sein? Ist die Vision derer, die für die Entstehung und Vollendung des Films verantwortlich sind, möglicherweise auf eine spezielle Sprache bezogen?
Zweifellos schafft Synchronisation Jobs und Zugänglichkeit (nebst Untertiteln, wohlgemerkt), aber kann sie auch Kunst schaffen?
Beispiele für besondere Synchros sind die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill, die im Deutschen nur durch ihre sehr kunstschaffende und freie Übersetzung Kultstatus erhielten. Oder Coldmirrors Harry-Potter-Umdichtung, wobei ich da etwas vorsichtig bin, um nicht irgendwann dem Originalwerk nicht mehr den gebührenden Respekt zu zollen.
Wenn nun jemandem der faktische Inhalt eines Filmes im Rahmen des deutschen Sprachraums und Sprechgehabes mehr wert ist als das, was wirklich zu seiner Entstehung beitrug, dann sitze ich wohl auf einem gegenüberliegenden Ast des Filmebaums und akzeptiere das, aber kann es nicht mit meinem persönlichen Anspruch an Kunst und Kultur vereinbaren.

Was ich damit aufzeigen möchte, ist folgendes: Die Gründe hinter Spezialinteressen und Spezialdesinteressen liegen oft im selben Nest und können den selben Kern wiederspiegeln.

Auch wenn ein Mensch, ob Kind oder erwachsen, nicht genau sagen kann, was ihn nun dazu bringt, sich mit Händen und Füßen gegen eine „völlig normale, ja sogar tolle“ Sache zu wehren, gibt es da tiefere Gründe. Und diese Gründe sind möglicherweise sogar ganz positiv und anhand der öfter im Fokus stehenden Spezialinteressen zu erkennen.