Was ist verkehrt?
Was ist verkehrt?
Eine Frage, die ein Fehlverhalten schnell aufklären soll.
Jedoch beinhaltet die Antwort darauf bei mir als Autist mehr Zusammenhänge als beim Stellen dieser simplen Frage meist erwartet wird.
Wenn eine vollständige Antwort überhaupt möglich ist.
Denn beides, Richtig und Falsch, wiegen in meinem Leben extrem schwer. Deswegen strebe ich auch so nach Regeln und nach klaren Vorgaben und nach der Gewissheit, etwas richtig zu tun. Das ist im digitalen Bereich, der letztlich auf 0 und 1 zurückfällt, weitaus einfacher als im menschlich-sozial-persönlichen Metier, wo Gefühle und Individualität vorherrschend sind.
Über den Lauf meines Lebens habe ich mir “meine richtige Welt” immer weiter aus- und aufgebaut und die Grenzen nach bestem Wissen und Gewissen gezogen. Ob im sprachlichen Bereich, wo mir im Wissen um die richtige Aussprache eine falsche Aussprache körperliche Schmerzen bereitet, oder im moralischen Bereich, wo eine beobachtete Abweichung von erlernter guter Sitte mich vor monströse innere Probleme stellt.
Das gruselige dabei ist nämlich, dass der Sensor für Richtig und Falsch mit meiner Gefühlswelt verbunden ist und konstant ein gellendes Signal sendet. Aber eine zentrale autistische Eigenschaft ist es, diesen unbändigen Gefühlen Mauern und Schranken aus Logik und innerer Überzeugung entgegenzusetzen. So kann ich aus einem überwältigenden Falsch-Signal durch gewisse Verarbeitungsschritte ein abgeschwächtes Falsch- oder gar ein energiesparendes Richtig-Signal machen.
Gerade dieses krasse Fühlen macht den Kontrast von Richtig und Falsch so spannend (und nicht immer im positiven Sinne).
Denn wenn etwas falsch ist, ist es eben nicht einfach nur falsch, sondern obendrauf auch nicht richtig, was es noch falscher macht und noch weiter von der richtigen Seite entfernt und somit falscher und falscher wird, dass es kaum noch zu ertragen ist.
Das erklärt auch meine glücklicherweise wenig zahlreichen, aber dafür deutlichen Gefühlsausbrüche, in denen meine inneren Verarbeitungsschritte nicht mehr funktionierten. Und alle erlernten Fähigkeiten, die beim Einordnen und Abschwächen von Falsch-Signalen helfen könnten, sind dann in weiter Ferne.
In so einem Moment der Not ist es dann notwendig, die eigene Überzeugung von dem was richtig ist darzulegen und die aktuellen Abweichungen davon in ihrer jeweiligen Schwere zu erklären. Das wiederum setzt voraus, dass die gerade relevanten Elemente des Richtigen annähernd zielgruppengerecht verbalisiert werden können und beleuchtet peinlich genau die eigene Verantwortung, etwas als Falsches zu bewerten.
Und weil das eine großangelegte und an sich schon nervenaufreibende Aktion ist, passe ich meinen sozialen Algorithmus dann tendenziell lieber dahingehend an, meine Gefühle erst gar nicht hochkommen zu lassen und mich von Situationen fernzuhalten, wo dies geschehen könnte.
Ob das mich mehr von der äußeren Welt trennt oder mich als Teil in ihr leben lässt, steht auf einem wahrscheinlich benachbarten Blatt…

