Mein Autismus ist echt
Mein Autismus ist echt
Dieser Artikel kratzt nur an der Oberfläche der dringlichen Frage: „Sollte ich diagnostiziert werden oder lieber nicht?“.
Und das ist der erste Punkt, den ich ansprechen möchte: Ein entscheidender Faktor ist, wie sehr die Angelegenheit pressiert. (unangebrachtes Wortspiel: wie sehr sie de-pressiert)
Für mich wurde es vor einigen Jahren so unerträglich, dass ich die Diagnose suchte. Aber für manch andere, die objektiv locker in alle Kriterien passen könnten, ist es offenbar nicht so dringlich – wenn es denn überhaupt eine Frage im Leben darstellt.
Der zweite große Aspekt betrifft Chancen und Herausforderungen. Zwei gegensätzliche Faktoren, die den Erfolg eines Lebens bestimmen, aber von unseren Entscheidungen ihnen gegenüber abhängen.
Eine offizielle Diagnose eröffnet bürokratischen Zugang zu spezialisierteren Hilfs- und Unterstützungsangeboten, deren Verfügbarkeit regional abweichen kann.
Nicht jeder Mensch, Arzt oder Arbeitgeber in meinem Umfeld versteht oder unterstützt den Veränderungsprozess, aber letztlich bleibt alles eine Frage des Verständnisses von Neurodiversität ab sich – und in der Gesellschaft sind wir da wohl noch nicht ganz angekommen…
Abstrakt ausgedrückt: Die Art, wie ich meinen guten Willen auslebe, mag sich verändert haben, aber der gute Wille selbst nicht. In einer perfekten Welt stünde das erst gar nicht infrage.
Diagnostiziert zu sein verändert nur einen Faktor: Die offiziellste externe Bestätigung dieses komplexen und tief gewurzelten neurologischen Phänomens.
Es ist an sich eine wundervolle Sache, sich wirklich mit einer Gruppe von Menschen verbunden zu fühlen, mit denen man so viel mehr gemeinsam hat als mit den meisten Menschen um sich herum, aber die rational starke Seite des Autismus lässt keine Gewissheit ohne die bestbekannte Quelle zu.
Früher dachte ich nur an Autismus, wenn ich schlechte Tage hatte, aber an den besseren Tagen polierte ich einfach wieder an meiner Rüstung und versuchte, mich in jede Form zu zwängen, für die es ein gutes Regelwerk zu befolgen gab.
Das ist vielleicht mein stärkster Punkt: Ich habe es mir jahrelang versagt, eine endgültige Antwort auf einen dringlichen inneren Kampf zu finden, und habe mich durch das alltägliche Minenfeld zu meinen Chancen navigiert, die niemals dem Schwierigkeitsgrad entsprechen konnten, auf dem ich lebte.
Wenn du eine Diagnose suchst und bekommst, wird daraus eine ernsthafte Verantwortung werden, deinem Wesen und deinen Bedürfnissen treu zu bleiben. Diese Verantwortung kann dein Umfeld aufmischen, alte Gewohnheiten abschaffen, perfektionierte Routinen zerstören und dir einen entzerrten Spiegel vorhalten, in welchem meine eigene Selbstprojektion nicht mehr zur jenigen Form passte, die ich nun zu sehen begann.
All diese Veränderung schmerzt und scheint mich von dem wegzuführen, von dem ich dachte, mein Leben solle so aussehen. Aber sollte mein Leben denn nicht von Weiterentwicklung, von gesunden Entscheidungen und davon handeln, mich selbst mal ernst zu nehmen, glücklich zu sein, um die Menschen um mich herum glücklich zu machen?
Auch wenn ich jetzt Veränderungen durchmache, hat mir meine Diagnose geholfen, in die richtige Richtung zu gehen und nicht länger an ihrer Echtheit zweifeln zu müssen. Und die Belohnung ist ein Leben, das wahrhaftiger, direkter und unmaskierter ist – genau so, wie ich es mag.

