Auf meiner externen Festplatte habe ich eine sehr sehr alte Playlist mit Musik entdeckt. Gerade wenn man sich im Ausland in atemberaubender Geschwindigkeit weiterentwickelt, ist so etwas statisches ein guter Anhaltspunkt für Rückblenden. Von dieser ‚alten‘ Musik untermalt sehe ich mir Bilder von Zuhause an.
Und ich kann nicht anders, als diesen Artikel anzufangen.

Sich weiterentwickeln, sich verändern, Dinge lernen, Dinge ablegen… In dieser in vielerlei Hinsicht besonderen Zeit passiert viel mit einem.

Während ich mit den altbekannten Klängen im Ohr die altbekannten und dennoch befremdlich fremd erscheinenden Bilder von meinem Zuhause ansehe, steht mir der Mund offen. Wieviel sich doch tatsächlich getan hat!
Vielleicht haben einige von euch schon auf einen Artikel dieser Art gewartet. Zumindest hat Susi schon vor ziemlich genau einem halben Jahr den Vorschlag zu demselben gegeben. 😉 Und ich denke nach bald 10 Monaten im Ausland ist es an der Zeit dafür…

Was, Details?? Ihr wollt also Details?

Nundenn:

  • Sonst war ich eher bedächtig mit größeren Entscheidungen und mochte lieber an einem Punkt bleiben, bevor ich mich groß weiterbewege. Heute aber habe ich innerhalb kurzer Zeit beschlossen, dass Queenstown wirklich sehr teuer zum Leben ist und dass Dunedin neben mehr Arbeitsmöglichkeiten auch niedrigere Lebenshaltungskosten bietet. Nach einer Nacht in Invercargill und meiner ersten Erfahrung als Couchsurfer (Details DAZU aber erst später) werde ich aber erst in den nächsten Tagen in Dunedin ankommen… Oder die Entscheidung, die Gastfamilie zu verlassen. Ich hätte mir nie erträumt, dass man durch solch eine Entscheidung hier so viel glücklicher werden könnte.
  • Sobald man merkt, dass man sich das eigene Geld in den Mund schiebt muss man nicht mehr pappsatt sein und es reichen auch locker 2 Mahlzeiten am Tag aus. Wenn ich mir die vielen Male durch den Kopf gehen lasse, wo man eingeladen wurde als Familie oder bei Freunden daheim und einfach mal so die verrücktesten Mahlzeiten serviert bekam, dann wird einem klar warum man eigentlich immer ‚Danke‘ sagt…
  • Ich trinke seit ein paar Wochen beinahe täglich 1,5 Liter Tee aus meiner lieben T-Kanne (T steht wahlweise für Thermos oder Tee). Kaffee gibt es für mich dagegen nur in Cafes, denn einen Vollautomaten hatte noch keiner der Haushalte in dem ich gastierte. (Bin ich da etwa doch noch wählerisch? 😀 )
  • Sobald man auch merkt dass auch Wäschewaschen im Regelfall etwas kostet, kann man seeehr seeehr sparsam werden was man so zu tragen anfängt.
  • Wenn ich sonst nur für einen außerordentlichen Sonnenuntergang in den goldenen Minuten und an besonderer Stelle anhielt, ist meine Hemmschwelle einfach mal so für ein Foto anzuhalten beachtlich gesunken.
  • Die meisten von euch werden mich als sehr extrovertierten, offenen Menschen in Erinnerung haben, der lieber ein Blatt zu wenig in den Mund nimmt als zu viel. Es hat sich gezeigt, dass ich solch eine Art am besten in vertrauter Umgebung anlegen kann. In der Fremde stellte sich heraus, dass ich durchaus Zeit für mich selbst haben muss um Neues zu verarbeiten und mit neuen Situationen klarzukommen. Wenn das soziale Miteinander hier in wenigsten Punkten dem gleicht, was ich in meinen vertrauten Kreisen daheim hatte, muss ich früher oder später mit einer Auszeit kontern.
  • Oft habe ich mich auch in zurückgezogener Position gefunden, eher als in ständigem Kontakt mit neuen Leuten.
  • Viele Reisende erzählen von englischsprachigen Träumen oder ähnlichem als Konsequenz der Sprachumstellung. Ich denke zwar schon zu gleichen Anteilen auf Deutsch und auf Englisch, aber ich wunderte mich als ich gedanklich eine Konversation mit meinen Eltern absurderweise auf Englisch führte…
  • Konstruktive Kritik an meiner Person beinhaltete oft die konsequent positive Einstellung zum Leben. Diese hat sich glücklicherweise bis jetzt nicht geändert. 🙂
  • In Queenstown musste ich von der Arbeitsagentur aus helfen, eine Baustelle von Unrat zu befreien. In dem Zuge hatte ich die Möglichkeit, zum ersten Mal in meinem Leben einen Rechtslenker-Diesel-Schaltgetriebe-Pickup mit Anhänger rückwärts zu rangieren. Bin jetzt ein wenig stolz, weil es ohne größere Schwierigkeiten geklappt hat…
  • Eine der größten und wichtigsten Dinge, die sich maßgebend verändert haben ist das Verhältnis zu meinen Eltern. Man mag denken dass sich auf die große Entfernung nicht viel tun kann, liegt dann aber völlig falsch. Niemals hätte mir klarer werden können, wieviel ich diesen 2 Menschen verdanke, als wenn ich ganz auf mich alleine gestellt auf die andere Seite der Erde gehe. Jede Nuance meiner Persönlichkeit wurde in meinem Elternhaus angezeichnet und schon viel bereits geschliffen. Noch bin ich kein fertiger Mensch, aber auch getrennt vom Zuhause, wo viele der Schliffe ohne die elterliche Aufsicht geschehen wird mir klar wie wunderbar und weise diese grundlegende Vorarbeit doch war. Ich liebe keinen Mensch auf der Welt mehr als meine Eltern.
  • Eine Vorstellung habe ich schon zum Heimkehren: Ich werde so oft ich kann ‚Neuseeland spielen‘. Sei es, dass man hier kennengelernte Gerichte kocht, sich mit alten Reisebekanntschaften unterhält, die Musik wieder hört die man mit der Zeit hier verbindet, man die Kassiererin fragt wie es ihr heute so geht oder sich einfach die Kamera schnappt, idealerweise noch ein paar gute Freunde einpackt und einen Roadtrip startet… Am besten natürlich noch über’s Wochenende und mit Übernachtungen in international frequentierten Herbergen. 😉
  • Als Unterschied zu den Essgewohnheiten von daheim kommt es hier einzig und allein auf das Geld an, was ich esse. Und wenn man sparen will, dann gibt es einfach Spaghetti mit Pesto und als Snack Äpfel mit den allerbilligsten Keksen im Laden. Oder halt 1,5 Liter Tee mit den Keksen die gerade im Angebot waren…
  • Was mir auch aufgefallen ist, ist dass ich mir sonst auf Ausflügen oder Freizeiten immer so Gedanken gemacht habe, was man zum Duschen alles mitnehmen muss. Innerhalb von unzähligen Nächten in Hostels habe ich die Antwort zumindest auf das Minimum gefunden: Man braucht exakt 2 Dinge (sortiert nach Wichtigkeit, absteigend): Ein Handtuch und Duschgel.
  • Auch im Konsumverhalten ist eine Änderung eingetreten, denn man steht nun völlig auf eigenen Beinen. Man guckt vorrangig auf das Preis-/Leistungsverhältnis des Objekts, als dass man sich auf eine einzige Marke beschränkt. Im Falle von neuseelandtypisch oft auftretenden Rabatten ändert sich der Blickwinkel dann aber doch recht geschmeidig. 🙂
  • Wenn ich die alten Bilder so durchsehe, muss ich eingestehen dass damals beim Grinsen eine nicht vernachlässigbare Masse an Wangenfleisch mehr bewegt werden musste im Vergleich zu heute. Aber der etwas schlankere Oli gefällt mir schon besser als der pausbäuchige Oli von 2014. So outdated! 😀
  • Auch fällt auf, dass auf vielen Bildern mein Smartphone zu sehen ist. Heutzutage ist es eher schwer zu sichten. Ja, ich, der vor einem Jahr noch jedes neue Modell kannte und die besten Apps empfahl, sitzt jetzt mit einem Huawei Y221 da. Kein Whatsapp, kein Facebook-Messenger, keine Facebook-App, keine Spiele. Okay, ich nutze Facebook über den Handybrowser, weil man sonst wirklich ZU abgeschnitten von den Mitreisenden wäre und die Gmail-App (ohne automatische Synchronisation) für Mails von Arbeitgebern und wichtiger noch der Familie. Aber immer noch ist das einzige was an dem Gerät bimmeln kann der Alarm, SMS oder Anrufe. Der Rest wird nur dann abgerufen, wenn ICH es will.  Ziel war anfangs, dass ich nicht mit den Gedanken halb in der Hosentasche durch Neuseeland gehe. Und ich denke das soll auch zu Hause nicht groß anders werden. Ein kleiner ‚Reset‘ der Handynutzung sozusagen. 🙂
  • Schon vor langem wurde mir klar, dass ich mit meinem Musikgeschmack sehr einsam dastehe. Ich hätte hier die Möglichkeit, allerlei neue Stile anzunehmen. Und tatsächlich kann ich einer nicht kleinen Anzahl von Liedern verschiedenster Genres etwas abgewinnen.
  • Aber immernoch gilt meine tiefste Bewunderung den Klängen klassischer Musik. Und hier in Neuseeland wurde meine Leidenschaft zum Gesang entgültig geweckt. Wenn ich in Dunedin einen stabilen Job finde, kann ich darin mehr investieren…

Ja, der Oli wie ihr ihn kennt verändert sich zusehends. Einiges von ihm bleibt, einiges wird an seinem Wegesrand liegen gelassen werden… 🙂